Was für die Raupe das Ende der Welt bedeutet,
nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Lao Tse

„Im Jahr 2006 ist meine geliebte Tochter Pauline mit 16 Jahren gestorben. Ich dachte, dass ich diesen Schmerz nicht überlebe. Durch die vielen Trauerseminare der Verwaisten Eltern, die ich in den Jahren danach besucht habe, habe ich nicht nur überlebt, sondern zurück zu meiner Kraft und Lebensfreude gefunden. Und ich habe dort neue Freunde gefunden.“

Isabel Schupp, Gründerin des Institutes „Blauer Falter Trauerseminare“

Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich gerne an. 0172-8160448

pauline-blauer-falter

In unseren Trauerseminaren finden Trauernde, die einen geliebten Menschen durch Unfall, Krankheit, Suizid oder ein anderes Ereignis verloren haben, Unterstützung auf ihrem individuellen Weg durch die Trauer.

Es ist Zeit und Raum für schmerzhafte Gefühle, aber auch für das, was besser und anders werden darf. Im schützenden Raum einer Gemeinschaft von Betroffenen können Erinnerungen geteilt und neuer Lebensmut gefasst werden.

Termine für kommende Trauerseminare

Mehr lesen:

Interview mit Isabel Schupp

Das Interview führte Dr. Almuth Russel, Kinderchirurgin im Eppendorfer Kinderkrankenhaus in Hamburg

Dr. Russell: Frau Schupp, Sie bieten bundesweit Trauerseminare für Eltern an, die ein Kind verloren haben. Als Kinderärztin in einem großen Kinderkrankenhaus stehe ich oft hilflos trauernden Eltern gegenüber, die den Tod des eigenen Kindes zu beklagen haben, bin ratlos angesichts der großen Verzweiflung. Sie bieten in dieser unerträglichen Situation Trauerseminare an. Was erwartet die Teilnehmenden in so einem Seminar?
Isabel Schupp: Nun, zuallererst und allem voran, erwarten einen dort Eltern, die ebenfalls den Tod eines Kindes zu beklagen haben. Menschen, die dieses Schicksal teilen und die verstehen, wovon die Rede ist. Wenn ein Kind stirbt, wird man ja zunächst von einer Woge des Mitgefühls getragen, Verwandte, Freunde, Kollegen, alle haben Verständnis und sind für einen da, der Briefkasten quillt über von tröstenden Worten.
Aber nach einem halben Jahr, nach 2 Jahren oder gar nach 10 Jahren wird erwartet, dass man sich wieder gefangen hat, es soll wieder alles wie vorher sein. Es ist aber nichts wie vorher, und das verstehen eben nur Menschen, denen das gleiche widerfahren ist.

Dr. Russell: Seminar - das klingt als ob es bei Ihnen etwas zu lernen gäbe.
Isabel Schupp: Ja...weiß Gott. (lacht) Aber Retreat ist auch ein guter Ausdruck, oder Auszeit - was ja soviel bedeutet wie „Rückzug aus dem Alltag“. Wir ziehen uns aus dem Alltag zurück, um ganz für uns, für unseren Schmerz, für unsere Trauer da zu sein. Oftmals ist im Alltag zwischen Beruf und Familie weder Zeit noch Raum dafür. Die Welt dreht sich ja ungerührt weiter, sie hält keinen Moment inne, nur weil mein Kind gestorben ist. Und so kommt es, dass wir die Erinnerungen immer wieder wegschieben, die Tränen runterschlucken, den Schmerz verdrängen. Jetzt nicht...ein andermal... jetzt passt es nicht... ein andermal. Und in diesem Sinne gibt es tatsächlich etwas zu lernen: nämlich, dass man nicht zuviel trauern kann, sondern höchstens zu wenig.

Dr. Russell: Und wie darf ich mir das ganz konkret vorstellen?
Isabel Schupp: Das Herzstück unseres Trauerwochenendes ist das Erzählen, das Erinnern. Unsere größte Sorge ist ja, dass unser geliebtes Kind in Vergessenheit gerät. Es geht viel schneller als man annehmen könnte, da wird der Name meines Kindes kaum noch ausgesprochen. Wenn ich etwas von meiner Tochter erzähle, tritt betretenes Schweigen ein und alle sind erleichtert, wenn etwas Anderes zur Sprache kommt. Und so beschleicht einen alsbald das Gefühl, dass es unser Kind gar nicht gegeben hat. Schrecklich. Auf einem Trauerwochenende ist das anders: Für jeden Einzelnen ist Zeit und Raum, um unserer großen Liebe Raum zu geben, um die Erinnerung an unser Kind und eben auch den Schmerz mit den anderen zu teilen. Das ist unendlich heilsam.

Dr. Russell: Ich stelle mir vor, dass es eine ziemliche Überwindung kostet, sich zu so einem Seminar anzumelden und dann auch noch hinzugehen.
Isabel Schupp: Ja, das ist wohl wahr. ( lacht) unsere trauernden Eltern erzählen immer wieder, dass sie noch am Parkplatz überlegt haben, ob sie schnell wieder umdrehen sollen. Besonders die Väter.😉 Aber sie erzählen auch alle - ausnahmslos - dass sie schon viel früher gekommen wären, wenn sie gewusst hätten, wie heilsam, wie tröstlich so ein Austausch mit anderen Betroffenen ist.

Dr. Russell: Sie und ihre Kollegin sind ja selbst betroffene Mütter. Ihre Tochter Pauline ist mit 16 Jahren an Leukämie gestorben, der Sohn Ihrer Kollegin mit 26 bei einem Motorradunfall. Wie können Sie sich als Gruppenleiterinnen aus den schmerzhaften Prozessen in der Gruppe raushalten?
Isabel Schupp: Wir halten uns nicht raus. Wir nennen uns ja auch nicht Gruppenleiterinnen, sondern Trauerbegleiterinnen. Und wir begleiten unsere Eltern mit unserem ganzen eigenen Schmerz, mit unserer ganzen eigenen Trauer. Wenn wir weinen müssen, dann weinen wir. Wir möchten da auch Beispielfunktion haben. Wir möchten zeigen, dass es richtig, wichtig und gut ist den Schmerz einzuladen, zu weinen, die Tränen fließen zu lassen. Tränen die einem im Hals stecken bleiben, sind keine heilsamen Tränen. Und wie könnten wir das besser verständlich mache, als wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen.

Dr. Russell: Sie sprechen immer wieder davon, "den Schmerz einzuladen". Ich stelle mir vor, dass so eine tiefe Wunde gar nicht heilen kann, wenn man immer wieder an den Schmerz rührt.
Isabel Schupp: Das ist einer der ganz großen Irrtümer der Menschheitsgeschichte. Dass Wunden heilen, wenn man nicht an sie rührt. Aus der modernen, professionellen Trauerforschung weiß man, dass tiefe seelische Wunden n u r heilen können, wenn sie regelmäßig bluten dürfen.
Um bei dem Bild zu bleiben: eine tiefe Wunde, die von oben schnell zuwächst, kann unten drunter schwären und wildes Fleisch bilden.. Jedoch wenn sie ab und zu bluteen darf, wenn sie belüftet wird, bleibt sie sauber und kann langsam von unten zu einer Narbe zuwachsen. Trauern und Erinnern ist also Wundpflege.

Dr. Russell: Und für diese Wundpflege braucht es ein Trauerseminar?
Isabel Schupp: Sehen Sie, in unserem Land gibt es ja keine Trauerkultur. Es gibt unzählige Anlässe um Freudenfeste zu feiern, Geburtstage, Weihnachten, Gartenpartys, bei uns hier in Bayern das Oktoberfest. Aber wo finden wir Zeit und Raum, um uns an unsere Verstorbenen zu erinnern? Um uns um unseren ureigenen Schmerz zu kümmern? Um zu trauern, zu weinen - unsere Wunden zu pflegen? Einmal im Jahr... am Totensonntag... oder beim Therapeuten.
In Kroatien z.B, aber auch in vielen asiatischen Ländern, ist das anders. Denn da feiert man die Todestage, wie bei uns die Geburtstage: man lädt Gäste ein, man sitzt beisammen, spricht über den Verstorbenen, man klagt gemeinsam und tröstet sich gegenseitig. Man kocht die Lieblingsspeisen der Verstorbenen, man isst und trinkt, und ist nicht alleine mit seinem Kummer.
Also eigentlich genau das, was wir hier in so einem Trauerseminar machen. Wir sitzen zusammen, wir erinnern uns, wir weinen, wir hören uns gegenseitig zu, nehmen Anteil.

Dr. Russell: Es ist vielleicht eine etwas dumme Frage, aber wird hier nur geweint und getrauert?
Isabel Schupp: Um Gottes Willen, das wäre ja schlimm. Weinen, erinnern, erzählen ist zwar ein wichtiger Teil auf unserem Trauerweg. Aber ebenso wichtig ist es, wieder in seine Kraft zu kommen und den Zugang zu seinen Ressourcen wiederzufinden. Dafür bieten wir viele Übungen aus der Traumabewältigung an, die diesen Prozess unterstützen. Auch Übungen aus Stressbewältigunsprogrammen sind teil unserer Trauerseminare. Schmerzhafte Trennungen versetzten den Körper ja in maximalen Stress. Und so finden sich in unseren Seminaren auch immer Übungen aus Yoga, Qi Gong und Meditation.

Dr. Russell: Wird auch manchmal gelacht?
Isabel Schupp: (Lacht herzlich) Oh, da können Sie aber ganz sicher sein, sonst könnte ich diese Arbeit nicht machen. Ich lache für mein Leben gerne und das hat sich durch den Tod meiner Tochter nicht geändert. Im Gegenteil. Dadurch dass ich mir immer wieder erlaube, mich auszuweinen, kann ich auch herzhaft lachen. Das ist ja das besondere an unseren Trauerwochenende: Man muss abends nicht nach Hause gehen, sondern lässt den Tag in der Gemeinschaft ausklingen. Wir sitzen oft bis tief in die Nacht zusammen bei Käse und Wein im Klosterstüberl und es gibt Tage, an denen hier eine echtere, tiefere Leichtigkeit, Lebendigkeit und Freude im Raum ist, als auf einer Party, wo die Leute zum feiern zusammengekommen sind. Das mag paradox klingen – aber es ist so.

Dr. Russell: Warum machen Sie diese schmerzhafte Arbeit? Sie werden doch da mit so viel Leid von Anderen konfrontiert.
Isabel Schupp: Kurz nachdem meine Tochter gestorben war, bin ich in meiner Verzweiflung auf ein eineinwöchiges Trauerseminar gefahren. Es war das Beste was ich je in meinem Leben gemacht habe. Ich habe danach unzählige weitere Seminare in ganz Deutschland besucht und weil ich jedes Mal ein kleines bisschen heiler werden durfte, habe ich beschlossen die Ausbildung zu Trauerbegleiterin zu machen und hier im Münchner Raum Trauerseminare anzubieten. Und wenn ich sehe, wie verzweifelt, wie hoffnungslos und vom Schicksal gebeugt die Menschen hier ankommen, und wie genährt und hoffnungsvoll sie am Sonntag Mittag hier wieder abreisen, dann ist das für mich ein Riesengeschenk. Dann weiß ich einmal mehr, warum ich diese Arbeit mache.

Flügelt ein kleiner blauer
Falter vom Wind geweht,
Ein perlmutterner Schauer,
Glitzert, flimmert, vergeht.
So mit Augenblicksblinken,
So im Vorüberwehn
Sah ich das Glück mir winken,
Glitzern, flimmern, vergehn.

Hermann Hesse