Trauer

Sandra ist kurz nach ihrer Geburt gestorben. Ich möchte nicht mehr weiterleben.
Weine doch nicht, du kannst doch noch viele Kinder bekommen.

Mein Vater ist letztes Jahr gestorben, und nun meine Mutter. Ich fühle mich so allein auf dieser Welt.
Das ist nun mal der Lauf der Welt, das müssen wir alle einmal durchmachen.

Meine beste Freundin ist an Krebs gestorben. Ich denke jeden Tag an sie, sie stand mir am nächsten von allen Menschen.
Wann, vor drei Jahren? Da wird es aber Zeit, dass du wieder ins Leben zurückkehrst.

40 Jahre verheiratet, und nun ist meine geliebte Frau gestorben. Es tut so weh, ich bin einsam, ich vermisse Sie so sehr.
Ach, 82 war Sie? Da durfte sie aber wirklich sterben.

Wir kannten uns erst 3 Monate, und dann hatte er einen tödlichen Unfall. Ich bin so verzweifelt, er war die ganz große Liebe meines Lebens.
Sei nicht traurig, du bist doch noch so jung, du wirst wieder einen netten Freund finden.

Kurzfilm mit Isabel Schupp

Abschied

Ein geliebter Mensch stirbt – oder gar das eigene Kind, eine langjährige Beziehung zerbricht, das letzte Kind verlässt das Elternhaus, Scheidung, Kontaktabbruch, Verlust – im Laufe unseres Lebens müssen wir immer wieder Abschiede durchleben und Trennungen verkraften. Besonders der Tod löst bei denen, die zurückbleiben, oftmals eine schwere seelische Krise aus.

Trauer

Diese Krise nennt man „Trauer“. Trauer ist keine Krankheit, sondern unsere ganz natürliche Antwort auf schmerzlichen Trennungen. Zur Trauer gehören nicht nur Tränen, und Gefühle von Hilflosigkeit, Sinnlosigkeit und Einsamkeit, sondern auch quälende Selbstvorwürfe, ohnmächtige Wut und abgrundtiefe Verzweiflung. Gefühle die bedrohlich sind und aufs Äußerste belasten.

Anerkennen was ist

Allzu verständlich also, dass Trauer gerne verdrängt wird. Aber Trauer verschwindet nicht, indem wir sie loswerden wollen. Im Gegenteil, damit Trauer nicht krank und schwermütig macht, sondern sich heilsam wandeln kann, ist es wichtig, anzuerkennen, dass Trauer da ist, ihr Ausdruck zu verleihen, zu weinen, zu klagen, und Erinnerungen Raum zu geben. Trauer will gesehen, gelebt und ausgedrückt werden, damit sie heilsam ist.

Loslassen??

Aus der modernen Trauerforschung wissen wir, dass es in einem gesunden Trauerprozess nicht darum geht, die Verstorbenen „loszulassen“ – wie das lange von wohlmeinenden Therapeuten empfohlen wurde. Vielmehr geht es darum, die geliebten Verstorbenen als kostbare und nachhaltige Erinnerung der gemeinsam erlebten Zeit zu ehren und einen guten Platz für sie in unserem Leben zu finden. Anerkennen statt verdrängen, da sein lassen statt bekämpfen, integrieren statt loslassen.

Die Zeit heilt alle Wunden??

Kleinere Wunden mag die Zeit wohl heilen – tiefe Wunden heilt die Zeit nicht. Eine tiefe Wunde, die von oben zu schnell zuwächst, kann darunter schwären, wildes Fleisch bilden, und uns krank machen. Tiefe Wunden brauchen unsere Aufmerksamkeit und Pflege, damit sie langsam zu einer Narbe zuwachsen können. Tiefe Wunden müssen ab und zu bluten, damit sie sauber bleiben. Trauern und Erinnern ist Wundpflege!