Textauszug aus: “Die Nacht bringt dir den Tag zurück”

An meinem zweiundvierzigsten Geburtstag, dem Tag, an dem die Leukämie diagnostiziert wurde, bekam ich ein kleines Buch geschenkt, das mein Leben sehr verändert hat und damit auch das Leben meiner Familie. Es heißt „Das Wunder der Achtsamkeit.“ Darin stand etwas geschrieben, was ich sofort auswendig gelernt habe, weil ich es so schön fand: Du hast eine Verabredung mit dem Leben. Und das Leben findet nicht in der Vergangenheit statt, denn die Vergangenheit ist schon vorbei. Das Leben findet auch nicht in der Zukunft statt, denn die Zukunft ist noch nicht da. Das Leben findet in diesem Augenblick statt, und der ist genau da, wo du jetzt gerade bist. Wenn du also diesen Augenblick versäumst, versäumst du deine Verabredung mit dem Leben.
Vor Paulines Erkrankung, also in der Zeit „davor“, habe ich solche Worte als Binsenweisheit abgetan. Aber für die Begegnung mit der Leukämie brauche ich diese Binsenweisheit.
Um zu überleben.
Um zu schlafen.
Um meine Tochter zu retten.

Jeden Montag bekommt Pauline eine Dosis Chemotherapie in ihr Rückenmark gespritzt. Diese so genannte Lumbalpunktion gehört über zwölf Wochen lang zu ihrem Behandlungsplan. Dazu muss sie im Schneidersitz auf der Behandlungsliege sitzen, den Oberkörper tief nach unten beugen, in den unteren Rücken atmen und sich keinen Millimeter bewegen. Deshalb wird sie von mir und einer Krankenschwester festgehalten. Nun sticht eine Ärztin mit einer fünfzehn Zentimeter langen Nadel zwischen die Rückenwirbel, wartet ab, bis der Liquor herausträufelt, und spritzt dann das Zytostatikum Methrotexat, kurz MTX genannt, in Paulines Rückenmark. Eine grauenhafte Prozedur, zwölf Wochen lang, jeden Montag. Wenn die Ärztin den richtigen Punkt trifft, tut das Ganze nicht weh, es ist nur, wie man so schön sagt, unangenehm.
W e n n sie trifft. Das Tragische ist nur, dass beim zweiten Mal eine junge Assistenzärztin ihr Glück versucht hatte und daneben stach. Der Schmerz kam heftig und unerwartet und hat Pauline jegliches Vertrauen in die sichere Hand von Ärzten genommen.

Wie lebt es sich mit einer solchen Bedrohung?
Nun, nach der Spritze ist vor der Spritze!
Pauline hat keine Verabredung mit dem Leben, sondern mit der Angst.
Ihr Leben, mein Leben, unser gesamtes Familienleben dreht sich um diese Spritze, die sich in sieben, in sechs, in drei, in zwei Tagen wieder über ihren Rücken hermachen wird. Es gibt keine Freude mehr für sie untertags, und bis sie sich in den Schlaf geweint hat, ist es weit nach Mitternacht. Morgens nach dem Aufwachen geht es weiter. Mami, ich hab solche Angst, Mami, ich halt das nicht mehr aus, Mami, mein Bauch ist von der Angst ganz hart, ich kann nicht essen, bitte geh nicht weg, dann muss ich immer an die Spritze denken.
Und dann weint sie, bis unsere beiden Pullover von den Tränen ganz nass sind.
Und ich bin genervt. Ich möchte mitfühlend sein, aber es gelingt mir nicht. Ich hab was anderes zu tun als ständig Pauline zu trösten, ich hab keine Geduld mehr und ich habe noch zwei Kinder die mich brauchen.
Aber Pauline weint.
Jeden Tag.
Auch an diesem sonnigen Samstag, als wir alle die Wanderung an die Flussmündung machen wollten, weißt du noch, als das Hochwasser war mit Picknick und allem, was du doch so sehr liebst. Und alle haben sich drauf gefreut. Aber du liegst auf dem Sofa, tränenüberströmt, und hast Angst vor Montag. Wie soll ich mich denn auf das Picknick freuen, wenn ich am Montag wieder in die Klinik muss, schreist du und steigerst dich so in deine Panik, dass ich dich am liebsten schütteln und ohrfeigen möchte.
Stattdessen packe ich dich an deinen mageren Schultern, schaue dir fest in die Augen und sage:
Wovor hast du jetzt Angst?
Vor der Spritze.
Nein, jetzt.
Das tut so weh…
Was tut weh? Was tut j e t z t weh?
Jetzt nicht, aber am Montag.
Nein, nur was jetzt ist, zählt.
Stille.
Scheint jetzt die Sonne?
Ja.
Wer schnurrt jetzt auf deinem Schoß?
Die Mimi.
Wo bist du jetzt?
In meinem Zimmer.
Wer sitzt draußen im Garten und wartet auf dich?
Josef und Flo und Papa.
Was fühlst du jetzt?
Angst.
Vor unserem Picknick???
Nein… vor Montag…
Nur was jetzt ist, zählt!
Stille.
Also?
Plötzlich springt sie auf, klettert auf meinen Arm, klammert sich wie ein kleiner Affe an mich und flüstert in mein Ohr „jetzt“.
Dann springt sie durch die Wohnung, rennt in den Garten, tanzt mit Flora einen wilden Tanz um die Buche, springt Josef auf den Arm, singt jetzt, jetzt, jetzt vor sich hin und ist zum ersten Mal seit dem Tag ihrer Erkrankung wieder richtig glücklich.
Am Abend, nach unserer herrlichen Wanderung und dem leckeren Picknick, nach ganz viel Spaß und Sonne und Gelächter, kommt sie leise auf meinen Schoß gekrochen.
Mami, jetzt kommt es wieder, und ich weiß nicht mehr was „ jetzt“ ist. Woran soll ich denken, damit ich nicht an die Angst denken muss?
Und wieder kommt mir das zu Hilfe, was in dem Buch über den Augenblick geschrieben steht.
Woran merkst du, jetzt gerade, dass du am Leben bist?
Dass mein Herz klopft.
Gut. Woran noch?
An meinem Atem.
Gut. Und wenn jetzt was kommt, woran du nicht denken willst, dann denkst du einfach an deinen Atem.
Wie denn?
Du denkst, wenn ich einatme, spüre ich, dass ich jetzt am Leben bin, wenn ich ausatme, freue ich mich, dass ich jetzt am Leben bin. Das ist das, was j e t z t ist, das ist dieser Augenblick und das ist das Einzige, was zählt, nichts anderes.
Schau, das Leben ist so kostbar. Eigentlich musst du ja nur montags von zehn bis elf Angst haben, aber du versaust dir den Dienstag und den Mittwoch und den Rest der Woche und sogar das schöne Wochenende, wenn du mit deinen Gedanken immer bei der Spritze am Montag bist. Leider habe ich es dir nicht beigebracht, dass der einzig wichtige Moment in deinem Leben immer der Augenblick ist, aber jetzt fang ich damit an. Setz dich neben mich und mach deine Augen zu, wir üben das jetzt. Beide.

 

Das war sechs Jahre vor Paulines Tod.
Wir ahnten Beide, dass diese Übung wichtig für uns war. Aber wie oft sie uns helfen sollte, wenn wir uns in Angst und Hoffnungslosigkeit und Schlaflosigkeit verloren, wussten wir damals noch nicht.
Wir wussten auch nicht, dass das Leben für uns noch viel Schlimmeres bereithalten würde als eine Spritze ins Rückenmark.